Where'd You Go, Bernadette - Wo steckst du, Bernadette?

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Interview Cate Blanchett

Interview: Raya Abirached

Cate Blanchett: «Bernadette verkörpert die Einsamkeit des Elterndaseins»

Wir trafen Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett zum Interview zu WHERE'D YOU GO, BERNADETTE?

Cate Blanchett, obwohl der Film auf einem Buch basiert, kann die Figur dennoch aus verschiedenen Quellen konstruieren werden. Ist das so? Ja, kann man so sagen. Ich liebe Maria Semples Buch, welches jedoch eher ein Briefroman ist. Sie schreibt Briefe an ihre virtuelle Assistentin. Man liest aus Arztbriefen und Teile aus Tagebucheinträgen ihrer Tochter. Man erhält dadurch einen objektiven Eindruck von Bernadette, wohingegen man im Film eher einen subjektiven Eindruck gewinnt. Ich denke es gibt viel, womit sich nicht nur Mütter, sondern Eltern im Allgemeinen identifizieren können. Dieses Gefühl, ängstlich und voller Zorn zu sein gegenüber andern Müttern in der Abholschlange. Als Elternteil kann dies sehr isolierend sein. Bernadette ist vermutlich die Personifikation davon.

Sind Sie vertraut mit der Architektin Zaha Hadid und war sie in irgendeine Form eine Inspiration? Oh ja, total. Bernadette basiert nicht auf Zaha Hadid, dennoch war ihr Verlust schwer zu ertragen und hat irgendwie einen Teil beigetragen. Früher wollte ich Architektin werden. In der Universität tauschte ich sogar mein Finanz- und Ökonomiestudium gegen ein Architekturstudium aus. Meine Schwester hingegen ist Architektin. Es gibt viele Architektinnen, die ich bewundere. Das spannende an Bernadette ist, dass sie sich selbst nicht als Architektin bezeichnet. Sie sieht sich selbst als kreative Problemlöserin und läuft vom kreativen Scheitern davon. Sie kreierte ein aussergewöhnliches, revolutionäres Durchbruchdesign. Aufgrund einer Interaktion mit einem Nachbarn, dessen Haus zerstört wurde, scheiterte das Design. Nicht einmal ihre Tochter weiss, was sie getan hat. Sie kennt sie als nichtberufstätige Mutter mit einer gewissen Agoraphobie. Ich kann das Wort nicht einmal aussprechen, es ist so beängstigend. Erst als sie verschwindet, erfährt ihre Tochter, was sie war.

Die Kreativität kann einem als Künstler verrückt machen, wenn man sie nicht auslebt… Ja, das ist so. Ich denke viele Eltern, insbesondere Mütter, verlieren sich selbst im Verlauf der Kindererziehung. Man vergisst das Erwachsen-Ich, indem man die gesamte kreative Energie in die Kindererziehung steckt. Da Bernadettes Tochter möglicherweise auf ein Internat geht, ist sie mit Angst und Trauer erfüllt. Sie muss plötzlich herausfinden, wer sie ist und wer sie sein kann, um das nächste Kapitel ihres Lebens beginnen zu können.

Existiert diese virtuelle Assistentin wirklich? Ich denke schon. Ich habe Freunde, die solche Beziehung beendet haben, nachdem sie das Buch lasen. Viele Leute erledigen Sachen über Internet-Algorithmen. Es ist unglaublich witzig, aber auch tragisch, dass die Hauptbeziehung in Bernadettes Leben eine virtuelle Assistentin namens Manjula ist. Ihr erzählt sie von all ihren Ängsten und denkt dabei, diese sei in Neu-Delhi, wobei es sich tatsächlich um ein kriminelles russisches Kartell handelt.

Die Antarktika ist ein grosses Thema im Film, wie war es diese Szenen zu spielen und waren Sie tatsächlich vor Ort? Der grösste Punkt auf meiner Bucket-Liste ist einmal auf einem Eisbrecher-Schiff zu sein. Oder in die Arktis oder in die Antarktis zu reisen. Als ich erfuhr, dass diese Möglichkeit besteht, bettete ich zu Gott, dass ich im Film mitspielen kann. Solche Dinge sind jedoch sehr teuer. Deshalb sprachen wir anfänglich darüber mit einem Green Screen zu drehen. Ich war richtig enttäuscht. Doch dann gingen noch nach Grönland. Dort gerieten wir tatsächlich in einen Sturm, welcher im Film zu sehen ist. Es war aussergewöhnlich. Vor Ort beeindrucken nicht nur die unglaublichen Eisberge, sondern ebenfalls die Wale und Seehunde. Man möchte nur noch den Planeten retten.

Welche Dinge tragen bei Ihrer Entscheidung bei, welche Rollen Sie annehmen? Es kommt immer auf das Timing an. Ich bin Mutter und habe vier Kinder. Früher waren für mich der Regisseur und das Drehbuch entscheidend. Heutzutage ist das wann und wo viel wichtiger. Die Fragen werden vielmehr rationaler als kreativ. Ich war sehr aufgeregt über den Gedanken, dass Richard Linklaters die Eigenschaften von Maria Semples, diese leicht verrückte und zugleich herzliche Anarchie gegeneinander zu stellen. Ich empfand es als zwei interessante Charaktereigenschaften, welche normalerweise so nicht gepaart und gezeigt werden. Es war diese Kombination, die ich als aufregend empfand.

Wie fest werden Ihrer Meinung nach Kinder davon beeinflusst, dass ihre Eltern Künstler sind? Wären wir Ärzte, Anwälte, Zahnärzte oder Buchhälter, etwas mit einem regulären oder linearen Karriereweg, dann gibt es diese Erwartung, dass die Kinder in die eigenen Fussstapfen treten. Oftmals ist es so. Kinder von Ärzten werden selbst oft Ärzte. Ist man allerdings Schauspieler oder arbeitet man in der Kreativbranche, betet man zu Gott, dass die Kinder später Buchhalter werden. Es gibt so viele Höhen und Tiefen im kreativen Leben. Es gibt Ablehnung und Leute können dich nicht ausstehen. Dann stehst du plötzlich im Mittepunkt und im nächsten Moment können sie dich wieder nicht ausstehen. Man muss eine sehr dicke Haut haben und es muss schon eine Berufung sein. Man erhofft sich, dass die Kinder sich berufen fühlen und nicht, weil sie denken sie müssen. Bezogen auf den Film könnte man sagen, dass Bee einen ähnlichen Geist wie Bernadette hat. Und es vielleicht doch von Mutter zu Tochter weitergegeben wird.

Beeinflusst die Kreativität Sie ebenfalls bei Gute-Nacht-Geschichten? Ich weiss nicht. Meine Jungs mögen die unterschiedlichsten Stimmen, aber meine Tochter befiehlt mir aufzuhören. Sie möchte, dass ich die Geschichten in einer sehr monotonen Stimme vorlese. Ich frage sie stets, ob sie nicht meine lustigen Akzente hören möchte. Letztlich klingen all meine Akzente, als würden sie von Sri Lanka kommen (lacht). Sie mag die lustigen Stimmen nicht.

Es ist also nicht zu Ihrem Vorteil? Nein, ist es nicht. Es ist sogar eher eine Belastung.

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